Ende der Fiktion?
Vollständiges Programm
Ein Symposium des Filmbüro NW
zum Verhältnis von Realismus und Inszenierung
im aktuellen deutschen und europäischen Spielfilm
8. Dezember 2008
10:00 bis 17:00 Uhr,
Filmforum NRW/ Museum Ludwig
Bischofsgartenstr. 1, 50667 Köln
Eintritt 10 Euro
Freien Eintritt haben Mitglieder des Filmbüro NW, Studenten und Journalisten
Anmeldung erbeten unter info@filmbuero-nw.de bis zum 28. November 2008
_________________________________________________________________
Das Symposium will dem aktuellen europäischen Kino auf die Spur kommen, das sich den karg inszenierten Geschichten verschreibt, den Geschichten, die auf die Kraft der Darsteller vertrauen und die soziale Realität und Alltagstristesse nicht aussparen. Diskussionen mit Filmemachern, Autoren und Produzenten sollen diesen Trend - mit Blick auf das Film- und Fernsehschaffen - genauer definieren. (Eine ausführliche Beschreibung finden Sie weiter unten)
_________________________________________________________________
Programm
ab 9:30 Uhr Kaffee
10:00 Uhr: Begrüßungen
Fritz Schramma, Oberbürgermeister der Stadt Köln
Ruth Schiffer, Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen
Stephan Brüggenthies /Karin Laub, Filmbüro NW
10:15 Uhr Einführung
Überblicksreferat von Susan Vahabzadeh, Filmjournalistin, München
10:40 Uhr Panel 1: Bestandsaufnahme. Wie kann Realismus, Authentizität oder Künstlichkeit im fiktionalen Film überhaupt definiert werden? Was reizt Filmemacher an einer unspektakulären Inszenierung?
Teilnehmer:
Jan Bonny, Filmemacher („Gegenüber“), Köln
Christophe van Rompaey, Filmemacher („Neulich in Belgien“), Gent
Athanasios Karanikolas, Filmemacher („Elli Makra - 42277 Wuppertal“), Berlin
Timo Müller, Filmemacher („Morscholz“, Förderpreis Deutscher Film), Berlin
Moderation: Felicitas Kleiner, Filmjournalistin, Bonn
12:00 Uhr Kaffeepause
12:15 Uhr Panel 2: „Entwicklung und Rezeption“ – Wie funktioniert die Entwicklung von authentischen, realistischen Filmen in der Kino- und TV-Branche? Hat der Trend zu realistischen Erzählformen soziokulturelle Gründe? Wie wirken diese Filme auf Zuschauer?
Teilnehmer:
Janine Jackowski, Produzentin („Der Wald vor lauter Bäumen, Hotel Very welcome“), München
Dirk Blothner, Psychologe, Medienwirkungsforscher, Köln
Eckhard Theophil, Drehbuchautor („Rosa Roth“, „Polizeiruf 110“), Husum
Sabine Holtgreve, Produzentin, Wüste Film Ost, Berlin
Moderation: Frank Olbert, Filmjournalist, Köln
13:45 Uhr Mittagspause
15:00 Uhr Panel 3: Grenzgänger. Welche Kräfte wirken vom Dokumentarischen zum fiktionalen Erzählen? Welche fiktionalen Elemente gehen in den Dokumentarfilm ein? Inwiefern gibt es eine Aufeinander-zu-Bewegung von Inszenierung und dokumentarischem Material?
Teilnehmer:
Philipp Gröning, Dokumentarfilmemacher („Die grosse Stille“), Düsseldorf
Andres Veiel, Filmemacher („Blackbox BRD“, „Der Kick“), Berlin
Moderation: Fritz Wolf, Medienjournalist, Düsseldorf
16:00 Uhr Filmvorführung und Filmgespräch
„Morscholz“, D 2008, 104’, Regie: Timo Müller (P: Klappboxfilme/ HFF München, Gewinner des Förderpreises Deutscher Film für die beste Regie beim Münchner Filmfest 2008)
im Anschluß Filmgespräch mit Timo Müller
Moderation: Karin Laub, Filmbüro NW
18:00 Uhr Get-Together
19:00 Uhr Vorab-Premiere von „Die Klasse“ („Entre les murs“), Regie: Laurent Cantet, goldene Palme in Cannes 2008, Verleih Concorde, Start 15. Januar 2008:
_____________________________________________________
Veranstalter:
Filmbüro NW e.V.
www.filmbuero-nw.de
Das Symposium wird gefördert vom
Ministerpräsidenten des Landes NRW
Kontakt für die Veranstaltung:
PR+, Marine Dubrulle
Fon 0241 87 2747
Fax 0241 87 0747
Mobil 0179 527 5708
pr@dubrulle.de
interface film pr, Antje Krumm
Fon 0221 925 28 90
Fax 0221 925 28 91
info@antjekrumm.de
Ende der Fiktion?
Immer schon war es die Herausforderung des fiktionalen Kinos, die Mauern einzureißen zwischen überhöhter Show und dem echten Leben. Schon die Filme des John Cassavetes brachen mit Regeln der perfekten Inszenierung; später ging das Kino der Sechziger Jahre, z.B. der Junge deutsche Film, demonstrativ auf die Straße. Er ermöglichte durch handlicheres Equipment eine Dokumentarfilmtradition nahe am Geschehen und einen frech präsentierten Alltagslook in den Spielfilmen, der lange fast verschwunden schien aus dem Kino. Auch die Dogma-Bewegung zur inszenatorischen Selbstbeschränkung ist lange vorbei. Und doch - seit einiger Zeit tut sich wieder was im europäischen Autorenkino. Ein Blick nach Cannes in diesem Jahr bringt es auf den Punkt: Der Preis für das Beste Drehbuch ging an “Lornas Schweigen“ (“Le Silence de Lorna“) der belgischen Brüder Dardenne; die Goldene Palme erhielt “Die Klasse“ (“Entre les murs“) von Laurent Cantet; und den Großen Preis der Jury nahm Matteo Garrone für seinen Mafia-Film “Gomorrha“ entgegen. Das Kino aus Osteuropa fällt genauso auf wie aktuelle Filme aus Belgien, wie die Sozialkomödie „Neulich in Belgien“ („Aanrijding in Moscou“) von Christophe van Rompaey.
Ob Komödie (seltener) oder Drama (meistens) - mehr denn je überschreiten Spielfilme die Grenzen zum Dokumentarischen, setzen sie auf eine eher karg inszenierte, sozial definierte, präzise beobachtete Realität. Auch junge deutsche Filmemacher fallen mit Geschichten auf, die radikal und bewusst in der Gegenwartsrealität verankert sind. Sie haben, vor einigen Jahren angestoßen durch die “Berliner Schule“, zu einem gesteigerten Interesse am deutschen Film beigetragen und verzeichnen Erfolge auf internationalen Festivals. So schaffte es Valeska Grisebachs radikal-realistischer Film “Sehnsucht“ in den Wettbewerb der Berlinale, und das Ehe-Kammerspiel “Gegenüber“ des jungen Regisseurs Jan Bonny nach Cannes. Von den etablierten Kinoregisseuren hat Andreas Dresen („Wolke 9“) sein Markenzeichen, den dokumentarischen, beiläufigen Look, sogar perfektioniert. Andere Filmemacher wie Hannes Stöhr („Berlin Calling“) übertragen reale Ansätze in glanzvolle Kinobilder.
Dieser Trend zum “Echten“ findet auch außerhalb des Films im aktuellen Dokumentartheater seinen Niederschlag. Als Basis für den Erfolg non-fiktionaler TV-Formate wird immer wieder die „Gier nach Unmittelbarkeit“ beschworen. Sind wir in Zeiten sozialen Abschwungs des „Bigger than Life“ überdrüssig? Was bietet uns die viel beschworene Authentizität im Gegenzug? Wie wird sie bei der Arbeit am Drehbuch, dem Casting, der visuellen Umsetzung in Kino und TV erreicht? Diese und weitere Fragen will das ganztägige Symposium, unter Einbeziehung des Dokumentarfilms, zur Diskussion stellen.